Krieg als Fluchtursache - Wege zum Frieden: Projektwoche an der iDSB

Zu Beginn des Jubiläumsjahr 2018, 100 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges, widmete sich die iDSB in einer Projektwoche sehr konzentriert dem Thema „Krieg als Fluchtursache“ und begab sich intensiv auf die Suche nach Wegen zum Frieden. Am 30. und 31. Januar fanden gleich mehrere Veranstaltungen zu diesem Thema statt, die über die Schulgemeinschaft hinaus viele Gäste anzogen.

1918: Ende des 1. Weltkrieges, aber kein dauerhafter Friede

In diesem Jahr jährt sich das Ende des 1. Weltkrieges zum 100. Mal. Damals ging ein militärischer Albtraum zu Ende, der mindestens 17 Millionen Menschen das Leben kostete, und viele hielten diese „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts damals für einmalig. Doch bekanntlich hielt der in den Pariser Vorortverträgen geschlossene Friede nicht allzu lange, und die weiteren Kriege des 20. Jahrhunderts setzten diese Geschichte des Grauens fort, ja übertrafen sie noch. Heute ist das Thema, leider, nicht minder aktuell.

 

Prominente Ehrengäste

Der deutsche Botschafter beim Königreich Belgien, Rüdiger Lüdeking, ließ es sich nicht nehmen, die Gäste des Abends persönlich zu begrüßen. An eine „Welt ohne Waffen zu glauben, wäre naiv“, meinte er, und ein „Friedhofsfriede“ könne nicht das Ziel sein. Doch gelte der Satz des Friedensforschers Dieter Senghaas „Si vis pacem, para pacem“ (wenn Du den Frieden willst, bereite ihn vor), und dazu gehöre mehr als nur die Abwesenheit von Gewalt, nämlich auch Rechtsstaatlichkeit, soziale Gerechtigkeit und eine konstruktive Konfliktkultur.

Oberstleutnant Maximilian Niederwemmer (deutscher militärischer Vertreter im Militärausschuss der NATO und der EU) bemerkte: „Als Soldat weiß ich, dass Frieden nicht selbstverständlich ist, aber ich spreche hier auch als Vater zweier Schüler dieser Schule“. Als er selbst 18 Jahre wurde, 1991, begann gerade der 2. Golfkrieg. Damals hätte er sich an seiner eigenen Schule, statt simpler Losungen wie „Kein Blut für Öl“, eine ähnlich gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema gewünscht. „Dieses Projekt ist einmalig!“, betonte er.

Annette Keller als stellvertretende Schulleiterin dankte herzlich den Initiatorinnen: Kunstlehrerin Iris Kaes und Philosophielehrerin Annelie Ungerer, die die Idee zu dem Projekt hatten und es, gemeinsam mit anderen Kolleginnen und Kollegen, über Monate hinweg intensiv begleiteten.

 

Ein schul- und nationenübergreifendes Projekt

Das Besondere des Projekts besteht in seinem fächer-, schul- und nationenübergreifenden Ansatz. Mit der DY Patil School aus Antwerpen, Teil eines in Indien gegründeten weltweiten schulischen Netzwerks, wurde die deutsche und europäische Sicht dabei um asiatische Perspektiven erweitert, wie Schulleiter Dr. Edmond Maher hervorhob. Schüler unterschiedlichster Nationen arbeiteten zusammen, viele Fächer waren beteiligt.

 

Ausdrucksstarke Kunstobjekte

Zahlreiche Kunstobjekte setzten sich kreativ mit dem Thema „Krieg und Frieden“ auseinander: „Peace in Jail“ zeigt die symbolische Friedenstaube hinter Gitterstäben inmitten eines schwarzen, bedrohlich wirkenden Kubus mit der Aufschrift „War“. Aus einer in einem transparenten Zylinder schon halb verschwundenen Erdkugel ragen rote und weiße Drähte wie Zündschnüre heraus. In sechs großflächigen, an der Decke befestigten Zeichnungen verwandelt sich ein Soldat, wie in einer Comic-Sequenz, von einer starren Kampfmaschine in eine friedfertige Figur ohne Waffe und Helm. Eine Vielzahl von Zitaten zum Thema wurde bildlich illustriert, darunter der markante Ausspruch Gandhis: „There ist no path to peace, peace is the path“.

 

Theoretische Konzepte der Friedensforschung

In deutsch- und englischsprachig vorgetragenen Präsentationen stellten Schüler die Resultate ihrer theoretischen Beschäftigung mit dem Thema vor und erläuterten u. a. die Begriffe des „positiven“ (soziale Gerechtigkeit einschließenden) Friedens nach Johan Galtung und dessen Modell des „Gewaltdreiecks“, das die häufig wenig sichtbaren Formen der Gewalt mit einbezieht, vor allem aber das „zivilisatorische Hexagon“ von Dieter Senghaas, das die für einen dauerhaften Frieden notwendigen Faktoren zu systematisieren versucht.

 

Literarische Texte zum Thema

In einer langen Galerie wurden schließlich Gedichte zum Thema Krieg und Frieden präsentiert, von Georg Heym über Wolfgang Borchert bis zu Bertolt Brecht. Auch der wohl bekannteste Antikriegsroman deutscher Sprache, Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, wurde in einer Buchpräsentation ausführlich gewürdigt.  Eine selbst verfasste Antikriegsrede zielte noch einmal auf die zentrale Frage: Was kann der Einzelne tun?

 

Flüchtlinge erzählen von ihren Erfahrungen

Nach dem 2. Weltkrieg konnte man sich in Deutschland über lange Zeit hinweg der Illusion hingeben, Kriege seien nur ein Thema der Vergangenheit und inzwischen weit weg. Dies hat sich spätestens seit der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 geändert: Scheinbar plötzlich strömten die Opfer von Krieg, Unterdrückung und Vertreibung auch nach Mitteleuropa.

Ebenfalls am 31. Januar erzählten an der iDSB zwei aus dem Iran geflüchtete Brüder, Mehrnousch Zaeri-Esfahani und Mehrdad Zaeri, von ihren Erfahrungen. „Der Mensch versucht immer, irgendwie Spaß zu haben“, sagt Mehrnousch und beginnt zu erzählen. Egal, wie schlimm die Umstände waren, irgendwie habe man doch immer etwas zu lachen oder zu feiern gefunden, sogar unter den vielen Verboten im Iran der 1980er Jahre. Da war Mehrnousch 5 Jahre alt, ihr Bruder 9. Keine Musik, kein Tanzen, keine bunten, keine engen Klamotten, Haare und Haut verdecken, das waren nur einige der Verbote, die ihnen das Leben schwer machten. - Und das, obwohl Mehrdad doch so ein Michael-Jackson-Fan war!

Doch erst, als es lebensgefährlich wurde, als der Diktator die Jungen in den Krieg schickte, entschied sich die Familie zu flüchten: „Denn man verlässt seine Heimat, seine Freunde, seine Familie nicht einfach so.“

 

Der „missio truck“ an der iDSB

Wie viele Menschen sind eigentlich derzeit weltweit auf der Flucht? Warum verlassen Menschen ihre Heimat? Welchen Herausforderungen und Gefahren begegnen die Flüchtenden? Und was hat das alles mit unseren Handys zu tun?

In einer multimedialen Ausstellung der karitativen Organisation „missio wurden Schülerinnen und Schüler des 8. bis 12. Jahrgangs am Beispiel von Bürgerkriegsflüchtlingen im Ostkongo für die Ausnahmesituation Flucht sensibilisiert.

Was vielen nämlich nicht bewusst ist: Der Krieg in der ehemaligen belgischen Kronkolonie hat auch etwas mit uns zu tun: Mit dem illegalen Verkauf von „Konfliktmineralien“ wie Coltan und Gold, die auch in unseren Handys eingesetzt werden, finanzieren die Rebellen ihren Krieg.

 

Was können wir tun?

In einem begleitenden Workshop ging es anschließend um die Situation von Flüchtlingen in Deutschland sowie Handlungsmöglichkeiten für jeden Einzelnen. So setzt sich z. B. die „Aktion Schutzengel“ dafür ein, dass Handyhersteller zukünftig Rohstoffe aus zertifizierten Minen verwenden und Verbraucher in Deutschland fair und nachhaltig handeln.

Jeder kann dazu beitragen, Fluchtursachen zu bekämpfen, indem er zum Beispiel „saubere“ Handys kauft oder, noch besser, sein altes Handy länger nutzt. Und wenn es dann doch einmal ein neueres Modell sein soll: Altgeräte können recycelt und einzelne Bestandteile wiederverwendet werden. Derzeit lagern über 100 Millionen ausgediente Handys in deutschen Schubladen. Missio hat nun auch an der iDSB Handy-Sammelboxen aufgestellt, um nicht mehr genutzte Handys dem Recycling zuzuführen, das Ganze zugunsten von Hilfsprojekten im Kongo.

 

Parolen alleine reichen nicht

Die iDSB stellt sich mit diesen Projekten ihrer pädagogischen Verantwortung, jungen Menschen in einer zunehmend unübersichtlich werdenden Welt Orientierung zu vermitteln. Denn wer in der Schule und außerhalb über das Thema Frieden (und Krieg) reden will, muss sich über seine eigene Position im Klaren werden: Wie stehe ich zum Einsatz (militärischer) Gewalt, welche Haltung nehme ich zur Bundeswehr ein? Wie kommentiere ich die täglichen Kriegsbilder und -nachrichten? Wie verhalte ich mich persönlich, auch angesichts der Not der Kriegsflüchtlinge? 

Vor hundert Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde die Parole „Nie wieder Krieg“ als Devise der damaligen Friedensbewegung erfunden. Heute dämmert vielen, dass es mit Parolen allein wohl nicht getan ist. 

Wer die Ausstellung an der iDSB noch nicht gesehen hat, muss sich beeilen: Bald wird die Schau als Wanderausstellung an die deutsche Botschaft und nach Antwerpen an unsere Partnerschule unterwegs sein – zweifellos haben die außergewöhnlichen Exponate diese besondere Aufmerksamkeit verdient. 

 

Text und Fotos: Friedhelm Tromm

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