Vermächtnis eines Europäers: Die „Schachnovelle“ als szenische Lesung

Am 30. Januar 2018 präsentierte der Schauspieler Volker Ranisch Stefan Zweigs berühmte „Schachnovelle“ auf der iDSB-Bühne, ein Abend, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Stefan Zweig: Ein überzeugter Europäer

Stefan Zweig war ein überzeugter Europäer in einer Zeit nationaler Feindbilder. Er war ein passionierter Reisender und traf die größten Intellektuellen seiner Zeit, Europa war für ihn ein unendliches Feld der Möglichkeiten – bis die beiden Weltkriege alles zunichte machen.  

Zwei Sommer verbrachte er auch in Belgien, in Ostende: Den ersten 1914, den er zeitlebens als sehr inspirierend in Erinnerung behielt, den zweiten 1936, gut zwei Jahre, nachdem er seinem Heimatland Österreich den Rücken gekehrt hatte, als seine Bücher dort und in Deutschland schon nicht mehr erscheinen durften. Im selben Jahr beschwor er noch einmal in einem erst später erschienenen Aufsatz die „geistige Einheit Europas“ und das Ideal einer „übernationalen Organisation“, wie sie bereits im Römischen Reich bestanden habe.

Die Schachnovelle ist Zweigs letztes und zugleich bekanntestes Werk. Er schrieb es in Brasilien, der letzten Station seines Exils, als die Verwirklichung seiner Träume unerreichbarer denn je schien. Veröffentlicht wurde sie erst nach seinem tragischen Freitod 1942.

 

Die Schachnovelle: Einblick in psychische Abgründe

Die Schachnovelle führt den Leser zunächst in die eher oberflächliche Lebenswelt wohlhabender Reisender, die an Bord eines Passagierdampfers von New York nach Buenos Aires unterwegs sind. Unter den Reisenden befindet sich auch der Schachweltmeister Mirko Centovic, den der schottisch-amerikanische Ölmillionär McConnor auf der Suche nach einer neuen Herausforderung zu einer Partie herausfordert. Nachdem Centovic eine erste Partie mühelos gewinnt, wird die bereits abzusehende zweite Niederlage überraschend durch den Eingriff eines Fremden abgewendet, eines gewissen Dr. B., der aber zunächst nicht bereit ist, eine weitere Partie zu spielen, was die Neugierde des Ich-Erzählers erst recht weckt.

Am folgenden Tag offenbart er diesem seine Lebensgeschichte: Als Vermögensverwalter des österreichischen Adels und Klerus wird er nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich von der Gestapo über Monate in Einzelhaft gehalten und verliert in endlosen Verhören fast seinen Verstand.

Als ihm zufällig ein Schachbuch in die Hände gerät, wird dies zu seinem geistigen Strohhalm. Begierig spielt er zunächst alle darin enthaltenen Partien nach, bevor er gegen sich selbst zu spielen beginnt und in einen wahnhaften Zustand der Persönlichkeitsspaltung gerät. Schließlich findet er sich im Krankenhaus wieder, wo ihm Unzurechnungsfähigkeit attestiert wird, was ihm die Rückkehr in die Einzelhaft erspart.

 

Die rettende Macht des Geistes?

Dr. B. gelingt es also, sich mit Hilfe des Schachbuches seine intellektuelle Widerstandskraft zu erhalten. „Unendliche Abwechslung beseelte täglich die stumme Zelle“, berichtet er und fügt hinzu: „ich empfand mein Gehirn aufgefrischt … gleichsam neu geschliffen“, er denkt „klarer und konziser“ und versteht sich nun auch in den Vernehmungen „gegen falsche Drohungen und verdeckte Winkelzüge“ zu verteidigen.

Selbst wenn er sich auf diese Weise eine Art „Schachvergiftung“ zuzieht – was wäre aus ihm ohne diesen geistigen Halt geworden?

Stefan Zweig hat oft über die Leiden anderer geschrieben, nie über seine eigenen. Er glaubte an die Macht des Geistes und der Kultur, wusste aber auch um deren Grenzen: In der realen Partie mit dem einseitig hochbegabten, aber ansonsten völlig ungebildeten Schachweltmeister verfällt Dr. B. wieder in die Verhaltensweisen seiner Einzelhaft und unterliegt diesem am Ende.

 

Volker Ranisch: Seit 2014 mit Soloprogrammen an der iDSB

Volker Ranisch verhilft dem Text mit häufig ironischer Mimik und sparsamer, aber gerade deshalb sehr wirkungsvoller Gestik zu ungeheurer Lebendigkeit, gelegentlich stimmungsvoll untermalt von Schostakowitschs „Walzer Nr. 2“.

Ranisch, in Zürich lebend, hat am dortigen Schauspielhaus sowie am „Deutschen Theater“ und dem „Theater im Palais“ in Berlin schon viele Erfolge gefeiert. Seit 2014 ist er an der iDSB regelmäßig mit seinen Soloprogrammen zu Gast, aber auch als Lehrer: Schon am Vortag gab es im Rahmen eines Workshops die Möglichkeit, aus erster Hand etwas über die Kunst des Schauspiels zu lernen, eine Lehrstunde wohl auch fürs Leben.

 

Stefan Zweigs Vermächtnis

„Die Anregung zu einer szenischen Lesung der Schachnovelle kam diesmal von einem Veranstalter“, erzählt Ranisch später im Gespräch – schließlich ist die Novelle bis heute ein Bestseller.  

Aber welche Stadt wäre passender als Brüssel, um den Europäer Stefan Zweig und sein Werk wieder ins Bewusstsein zu bringen?

Heute ist Zweigs Vision Europas zu großen Teilen Wirklichkeit geworden – und scheint dennoch erneut gefährdet wie seit langem nicht mehr.

Während sich der Zweite Weltkrieg bereits abzuzeichnen begann, schrieb Zweig 1936: „Wir müssen eine Jugend lehren, den Hass zu hassen.“ – „Wir müssen zeigen, dass es Engherzigkeit und Absperrung bedeutet, Kameradschaft nur im eigenen Kreise, im eigenen Lande zu begrenzen“. Und: „Lassen Wir uns nicht beirren durch alle Unvernunft und Unhumanität der Zeit, bleiben wir dem zeitlosen Gedanken der Humanität treu – es ist nicht so schwer!“

 

Bericht und Fotos: Friedhelm Tromm